»Kein Land für Niemand« im alten Amtsgericht

Lübbecke zeigt Gesicht hatte ins „Alte Amtsgericht“ zu einer Filmvorführung des Dokumentarfilms „Kein Land für Niemand“ eingeladen. Keine leichte Kost. Der Film von Max Ahrens und Maik Lüdermann dokumentiert die Entwicklungen der europäischen und deutschen Asylpolitik der letzten Jahre und begleitet Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer. Er zeigt die Lebensbedingungen in den Lagern an den Außengrenzen Europas und verleiht denjenigen, die diese gefährliche Flucht nach Europa überlebt haben, eine Stimme. Die Filmemacher fordern dazu auf, die scheinbar unaufhaltsame Radikalisierung der Migrationsdebatte in Frage zu stellen. 

Besucher im alten Amtsgericht
Besucher im alten Amtsgericht

Initiiert und ermöglicht wurde die Veranstaltung durch Benjamin Rauer, Mitglied des Landtages. „Vor einem Jahr war ich mit einer Reisegruppe der Evangelischen Kirche auf Lampedusa. Vor Ort konnten wir einen Eindruck von der Situation von geflüchteten Menschen erhalten, die die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer auf sich genommen haben. Mir ist es wichtig, diese Eindrücke mit den Menschen in Minden-Lübbecke zu teilen. Der Film „Kein Land für Niemand“ zeigt nicht nur die Notwendigkeit der lebensge-fährliche Seenotrettung sehr eindrucksvoll, sondern handelt auch von den politischen Umständen, die dazu führen, dass mehr Menschen sich in untaugliche und überfüllte Boote setzen, um das Mittelmeer zu überqueren. Wer das Ertrinken im Mittelmeer ver-hindern will, muss sichere Fluchtwege schaffen und nicht die Küstenwachen dabei un-terstützen, unrechtsmäßige Pushbacks durchzuführen.“

Auch Yvonne Marchewitz von der Lokalgruppe Sea-Eye Hannover war zu Gast und konnte etwas zur Entstehung des politischen Dokumentarfilms sagen, der von der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye e.V. und fünf weiteren Organisationen gefördert wurde. Sie begleitet seit der Premiere im letzten Sommer Filmvorführungen im Kino, in soziokulturellen Zentren oder auch Schulen. Besonders in den Schulen sei es wichtig, Schüler*innen nicht nur einen Film zu zeigen, sondern mit ihnen in das komplexe gesell-schaftliche Thema zu gehen, das in ihm aufgeworfen wird, sie mit ihren Fragen ernst zu nehmen. Marchewitz berichtete, dass sie gerade einen Tag zuvor eine hohe Reflexions-fähigkeit der Schüler*innen an einer Gesamtschule erlebt habe, jedoch auch ein Festhal-ten an der Deutung, dass Geflüchtete überwiegend aufgrund der vermeintlich guten Sozialleistungen gezielt nach Deutschland fliehen, wofür es in der Migrationswissenschaft keinen Beleg gibt, wie der Film zeigt. Das Publikum war sich einig, dass noch viel mehr Menschen diesen Film sehen sollten. Weitere kostenfreie Filmvorführungen sind mit Se-a-Eye Hannover über die Grenzen Niedersachsens möglich. Kontakt unter grup-pe.hannover@sea-eye.de



Bei den Besuchern löste der Film deutliche Betroffenheit aus. Das Mittelmeer ist eine tödliche Grenze geblieben. Seit 2014 sind definitiv mehr als 33.000 Menschen ertrunken oder vermisst. Die Dunkelziffer ist erheblich höher und der Umgang mit den Überleben-den ist häufig nicht von christlicher Nächstenliebe geprägt. Aber ist Migration überhaupt das große Problem, zu dem es gemacht wird? Oder offenbart die Abschottungspolitik tiefere gesellschaftliche Ängste? Über diese Frage wurde engagiert diskutiert. Auch über ausgesprochen gute Erfahrungen aus der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe.

Bürgermeister Philipp Knappmeyer beschrieb die derzeitige Situation in Lübbecke so: „Abgesehen von Einzelfällen gelingt die Integration von Geflüchteten in Lübbecke ganz ordentlich. Wegen der dezentralen Unterbringung, der nachbarschaftlichen Hilfsbereit-schaft, der Zusammenarbeit in der Schule oder am Arbeitsplatz und auch durch sportliche Begegnung in der Freizeit.“

Auch Marie-Luise Bernotat, Vorsitzende des Vereins „Lübbecke zeigt Gesicht“ fühlte sich durch den Film sehr betroffen, ermunterte aber weiterhin zu einer freundlichen Stadtgesellschaft mit Bereitschaft zur Unterstützung und Zivilcourage. Ihr besonderer Dank galt Benjamin Rauer für die Ermöglichung dieser Veranstaltung und Yvonne Marchewitz für ihre Ausführungen.

Kontakt

Rechtliches